La vida mexicana

Reisekilometer: 7.848 km

Schon ein ganzes Weilchen reisen wir nun durch Mexiko und es ist zu viel passiert, um alles haarklein zu berichten. Aber wir haben ein paar Erlebnisse und Erkenntnisse für euch herausgepickt, von denen wir euch erzählen wollen. Außerdem haben wir die Reiseroute aktualisiert, damit ihr ungefähr wisst, wo wir sind und was wir machen.

Mexikanischer Tagesrhythmus

Jedenfalls in den kleineren Städten und Dörfern gibt es einen recht festen Tagesablauf, der sich um die Mahlzeiten herum gestaltet. In der Woche, die wir bei Larry in Barra de Navidad, einem Dorf an der Pazifikküste, verbringen, haben wir genug Gelegenheit, diesen mexikanischen Tagesrhythmus kennenzulernen.

Morgens wacht man vom Krähen des Hahnes auf (bzw. wir drehen uns noch mal auf die andere Seite, weil es morgens richtig schön kühl ist und man manchmal erst dann richtig erholsam schlafen kann). Wir wissen nicht so ganz genau, wann die Einheimischen aufstehen und frühstücken, wir schätzen aber so zwischen 9 und 10 Uhr morgens. Typische Frühstücksgerichte sind Enchiladas (mit Frischkäse gefüllte Maistortillas in Salsa) oder Chilaquile (Tortillachips mit Chili-Salsa aus der Pfanne, dazu Frischkäse und Zwiebeln). Dann geht jeder seiner täglichen Arbeit nach, in unserem Fall zum Strand gehen, joggen, einkaufen, das Auto zum Ölwechsel bringen oder einen Ausflug mit Larry machen. Von zwei bis vier Uhr machen die Läden Pause, man isst zu Mittag und hält anschließend Siesta. Während der Zeit kann man auf der Straße nur Essen kaufen, das sich in Mexiko als Mittagessen qualifiziert, in der Regel Brathähnchen (mit Tortillas, Reis, Salsa, Salat). Das Mittagessen ist hier die Hauptmahlzeit des Tages. Nachmittags geht wieder jeder seiner Arbeit nach, einige haben aber auch schon Feierabend, sitzen auf der Straße und reden. Die Gehwege werden hier generell nicht zum Laufen genutzt, sondern als Terrasse und für den sozialen Austausch. Nachmittags fahren Autos und Motorräder durch die Straßen, die mit lauter Musik und Bandansage ihre Waren ankündigen, in der Regel eine Auswahl süßer Brötchen. Dass die Einkaufsmöglichkeiten zu einem nach Hause bzw. auf die Arbeit kommen, ist praktisch, weil die Nachmittagshitze alle Aktivitäten im Freien zu einer sportlichen Anstrengung werden lässt. Abends ab acht öffnen dann die Taquerias ihre Türen und überall kann man leckere Tacos essen. Tacos sind mit Fleisch und Salsa gefüllte Maistortillas. Das ist unsere Hauptmahlzeit und unser Lieblingsessen hier.

Wenn man sich aus irgendwelchen Gründen außerhalb dieses Tagesrhythmus bewegt, ist Essen finden abgesehen von den supermarktähnlichen Tante Emma-Läden äußerst schwierig. Die Frage nach Tacos vor 8 Uhr ruft nur ein bedauerndes Kopfschütteln hervor, einen der Mittagssnacks bekommt man nach 4 Uhr aber auch nicht. Ein Mal haben wir auf Vorbestellung Tacos um Viertel nach 7 bekommen, als wir um 8 schon in einer Bar verabredet waren. Das war so ziemlich die größte Ausnahme, die wir mitbekommen haben. Aber wir sind ja lernfähig und passen uns an bzw. organisieren uns besser 🙂

Straßenverkehr

Wir ihr euch denken könnt, haben wir schon einiges über den mexikanischen Straßenverkehr gelernt, da wir doch viel unterwegs sind. Insgesamt geht es eigentlich relativ zivilisiert zu, sodass man nicht in der ständigen Angst lebt, gleich in einen Unfall verwickelt zu werden (wie es in Tansania oder Georgien doch oft war). Aber es gibt schon einige Kuriositäten, an die wir uns erst gewöhnen mussten.

Straßenschilder gibt es zum Beispiel jede Menge, sie haben hier aber scheinbar keine nähere Bedeutung, sondern dienen mehr zur Zierde des Straßenrandes. Das Tempolimit wird besonders flexibel gehandhabt. Man fährt grundsätzlich so schnell, wie man sich gerade wohlfühlt, je nach Schlaglochdichte und Zustand des eigenen Autos eben. Das liegt unter anderem auch daran, dass viele Tempo-Schilder einfach nach dem Zufallsprinzip aufgestellt sind. Manchmal sind ohne ersichtlichen Grund nur 60 km/h auf der Autobahn vorgesehen, an Baustellen immer nur 40 oder sogar 20 km/h. Daran hält sich aber niemand und sogar wir fahren in der Zwischenzeit weiter 80 km/h (und werden immer noch überholt). Die einzige Möglichkeit, Mexikaner dazu zu bringen, langsam zu fahren, sind die Topes, die kleinen Hügel zur Geschwindigkeitsbegrenzung. Deswegen lauern die auch wirklich in jeder Stadt und jedem Dorf und zwingen dazu, mit etwa 10 km/h darüberzukriechen.

Ein weiteres Schild ohne jede Bedeutung ist das Überholverbot. Dafür gibt es hier nämlich eine einfache Lösung: Wenn die Straße einspurig ist, hat sie eine Art Standstreifen, der etwa halb so breit wie eine normale Spur ist. Die langsamen Fahrzeuge fahren einfach zur Hälfte auf dem Standstreifen, damit alle anderen entspannt überholen können. Genauso macht man es, wenn einem ein Überholmanöver entgegenkommt: Dann weicht man auf den Standstreifen aus.

Wundern sollte man sich auch nicht über U-Turn-Spuren auf der Autobahn: Regelmäßig hat man hier die Möglichkeit, zu wenden und in die Gegenrichtung weiterzufahren. Manchmal ist das auch der einzige Weg, um auf eine Autobahn zu kommen, da es die Auffahrt nur in eine Richtung gibt.

Und schließlich haben auch Warnblinker eine völlig andere Bedeutung als bei uns. Sie künden keinesfalls von einem Notfall, sondern werden immer angeschaltet, wenn man gerade ein seltsames Manöver unternimmt. Also wenn man besonders langsam fährt, auf dem Standstreifen in der falschen Richtung auf der Autobahn fährt, so voll beladen ist, dass jederzeit etwas herunterpurzeln könnte, den Hintermann vor einem Schlagloch warnen möchte, usw.

Kontrollen jeder Art

Beim Autofahren muss man sich an Militärkontrollen gewöhnen. Ab und zu gibt es einen Tope mit einem kleinen Stützpunkt daneben, an dem man langsam vorbeischleicht. Dann winkt man den Soldaten einmal freundlich zu und wartet, dass sie einen weiterwinken. In der Regel tun sie das mit einem Lächeln. Aber auch wenn wir herausgezogen werden, müssen wir uns deswegen keine Sorgen machen. Die Soldaten wollen dann nur wissen, woher wir kommen, wie wir unser Auto hierher bekommen haben und manchmal auch, wie es von innen aussieht. Dann bestaunen sie das Bett und die Küche wohlwollend. Wenn sie feststellen, dass unser Spanisch nicht ausreicht, um mehr zu plaudern, schicken sie uns mit guten Wünschen für die Reise weiter.

Ganz anders sind unsere bisherigen Erfahrungen mit der Polizei. Wie wir letztens feststellen mussten, ist die hier keineswegs unser Freund und Helfer. Wir hatten bis jetzt erst einmal das „Vergnügen“ und das lief so: Wir waren gerade bei einer Mautstation in der Umgebung von Mexiko Stadt vorbeigefahren und auf dem Weg nach Teotihuacan, wo wir die ersten Maya-Pyramiden der Reise bestaunen wollten. Da hält uns ein Polizeiauto mitten auf der Autobahn an und signalisiert, dass wir auf den Standstreifen fahren sollen. Ein paar Polizisten stehen nach und nach an der Scheibe und gucken unsere Papiere durch. Einer erklärt uns schließlich, dass es ein Problem gäbe, da wir hier gar nicht fahren dürften. Tatsächlich gibt es ein Fahrverbot um Mexiko-Stadt zu bestimmten Zeiten und zusätzlich für bestimmte Nummernschildendungen an jeweils einem Tag. Er beginnt uns einen Strafzettel mit einem horrenden Betrag auszufüllen und erklärt, wir müssten das morgen in einem Büro bezahlen, da wir gerade nicht so viel Geld mit uns rumtragen. Wir warten darauf, dass er uns anbietet, die Sache mit ein bisschen Bargeld zu lösen, aber von ihm kommt erst mal nichts. Seltsam. Na gut, dann machen wir mal auf verwirrte Touris, im Reiseführer stand ja, wenn man die Mautstraßen nimmt, sei man mit den Fahrverboten auf der sicheren Seite. Leo holt den Reiseführer heraus und entdeckt dabei, dass für unsere Endnummer (5) heute gar kein Fahrverbot ist und auch ausländsiche Fahrzeuge fahren dürfen, egal, ob die Straße nun zu Mexiko-Stadt zählt. Wir bitten den Polizisten, uns die Regeln zu erklären, da wir laut unserem Buch heute fahren dürfen. Er behauptet erst weiter, wir hätten heute Fahrverbot, aber nach einem gemeinsamen Blick in sein Regelbuch und langem Hin und Her stellt sich heraus, dass wir heute fahren dürfen. Der Strafzettel wurde in der Zwischenzeit auch um 50 % reduziert, wenn wir jetzt sofort bezahlen. Ah, der Wind weht also doch von dort. Wir freuen und kurz über unseren Etappensieg bezüglich des Fahrverbots. Die Polizisten lassen sich solange unsere Pässe zeigen, aber wir haben nichts falsch gemacht, unsere Touristenkarte ist gültig. Während die jüngeren Polizisten kurz vor dem Aufgeben sind, lässt sich ein älterer, aggressiv auftretender Polizist von unserem ordnungsgemäßen Verhalten keinesfalls abhalten. Er steckt kurzerhand seinen Finger in unseren Auspuff, stochert ein wenig darin herum und zieht einen komplett schwarzen Finger wieder heraus (welch Wunder!). Nun erklärt er uns, wir würden in irgendeine abgefahrene Abgasklasse fallen, für die heute trotzdem ein Fahrverbot gelte. Das ist ausgemachter Unsinn, aber wir können natürlich nicht entkräften, dass wir unter Klasse 3 fallen, denn davon haben wir keine Ahnung. Zudem läuft uns langsam die Zeit davon, wenn wir noch zu den Pyramiden wollen, und die Polizisten werden nicht lockerlassen und sich immer etwas neues ausdenken. Wir bieten einen Teil unserer restlichen Dollars aus den USA an und es kommen Verhandlungen über die Höhe des Strafzettels, bzw. eher Schmiergeldes, in Gang. Am Ende werden wir uns handelseinig, wenn auch erst bei einer unerfreulich hohen Summe. Dafür bekommen wir immerhin eine „Quittung“, einen Papierschnipsel, den wir angeblich bei weiteren Kontrollen vorzeigen und sagen können, wir hätten unsere Strafe schon beglichen. Wir hoffen ja auf keine weiteren Zwischenfälle mit der Polizei, aber auf einen Versuch mit dem Schnipsel werden wir es ab jetzt auf jeden Fall ankommen lassen. Außerdem haben wir uns abends bei Janco noch ein paar Tipps geben lassen, wie man die Polizisten noch weiter herunterhandeln kann beim Schmiergeld. Aber für Anfänger haben wir uns wohl schon ganz gut geschlagen. Ganz ohne Bezahlen kommt wohl niemand durch und selbst mit Erfahrung, Spanischkenntnissen und viel Zeit läuft unter 25 € überhaupt nichts. Na gut, das war eine teure Lektion im Handeln. Trotzdem lassen wir uns die Pyramiden nicht vermiesen, bei denen wir zwar spät, aber noch rechtzeitig für eine Besichtigung ankommen.

Hilfsbereitschaft

Abgesehen von den Polizisten haben wir die Mexikaner ausnahmslos als sehr freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Ein Paradebeispiel ist unsere gestrige Suche nach einer Unterkunft.

Wir haben uns in den Kopf gesetzt, auf einem wunderschönen Campingplatz mitten im Kakteenwald in einem botanischen Garten zu schlafen. Uns ist schon auf der Fahrt klar, dass das Timing nicht perfekt ist, da es schon kurz vor 8 ist und dämmert. Als wir ankommen, ist das Tor dann leider verschlossen und auf Rufen antwortet niemand. Auf gut Glück halten wir 100 m weiter bei einem Souvenirladen an und schildern der Besitzerin unsere Situation, was wie so oft hier eine ganze Kette von Hilfsangeboten in Gang setzt. Sie sucht uns die Nummer von dem Mädchen heraus, das den Schlüssel für das Tor haben soll. Da sie kein Handyguthaben mehr hat, fragt sie zwei ihrer Kumpels, jedoch auch ohne Erfolg. Aber einer lässt es sich nicht nehmen, zu uns ins Auto zu steigen und so lange mit uns vom Botanischen Garten zum Dorf zu pendeln, bis die Sache geklärt ist. Zwei Fahrten ins Dorf und zurück, drei Anfragen bei verschiedenen Häusern, die uns nie abweisen, sondern stets weiterverweisen, und ein Festnetzgespräch von einem Freund aus braucht es, bis feststeht, dass in einer Stunde jemand kommen wird, um uns aufzuschließen. Wir setzen unseren Helfer wieder beim Laden ab und bedanken uns. Er möchte nicht einmal ein kleines Trinkgeld von uns annehmen. Er ist froh, dass er mal ein bisschen Englisch sprechen konnte. Wie lieb. Wir kaufen im Laden wenigstens noch Ohrringe, die aber auch total günstig sind. Während wir warten und Abendessen auf der Straße kochen, schwärmen wir mal wieder von der mexikanischen Hilfsbereitschaft. Und am Ende kommt tatsächlich ein Mann auf dem Motorrad, schließt das Tor auf und führt uns auf den schönsten Campingplatz inmitten einer bizarren Kakteenlandschaft.

Das ist für uns typisch Mexiko 🙂

Liebe Grüße und bis bald!