Von unfreiwilligen Zwischenstopps, Bolivianern außer Rand und Band und unglaublichen Landschaften

Reisekilometer: 24.283

Hallo ihr Lieben!

Ein paar nervenaufreibende Wochen sind vergangen seit unserem letzten Bericht 🙂

Alles fängt damit an, dass unser Auto einfach nicht fertig werden will. Jeden Tag ist irgendetwas neues noch nicht fertig, ein Teil fehlt noch, der zuständige Werkstattmitarbeiter ist nicht da oder ein Notfall an einem der Reisebusse, die hier hauptsächlich repariert werden, kommt dazwischen. Und das, wo wir endlich mal wieder auf einem schönen Campingplatz schlafen wollen, weit weg von den Wachhunden, die ihren Job äußerst ernst nehmen. Außerdem ist da noch der Zeitplan, der sich unweigerlich immer weiter nach hinten verschiebt und immer weniger Zeit für Erkundungen lässt. Insgesamt verlängert sich unser Besuch in der Werkstatt so noch um eine ganze Woche.

Doch wir machen das beste daraus: Am Sonntag, wo es eh keine Arbeiten zu beobachten und beaufsichtigen gibt, machen wir einen Wanderausflug zu den „Rainbow Mountains“. Eine Wanderung bis auf über 5000 m Höhe zu einem Berg, der durch verschiedene Gesteinsschichten in verschiedenen Farben geringelt ist. Das Wetter spielt leider nicht ganz mit. Oben auf dem Aussichtspunkt ist alles neblig, aber auch der Weg zum Rainbow Mountain ist wunderschön und die Landschaft leuchtet in allen Farben. Ein sehr lohnenswerter Ausflug.

Den Rest der Woche nutzen wir, um selbst all die Arbeiten am Auto zu erledigen, die wir vor dem Verkauf noch machen wollten, damit das Auto wieder schön aussieht und alles funktioniert: Wir dichten das Dachfenster noch mal neu ab, entfernen die Sticker und basteln neue Türverkleidungen, weil die alten völlig vergammelt und zerfetzt sind. Ganz schön viel Arbeit, aber jetzt haben wir Zeit. Zwischendurch belohnen wir uns immer mal wieder mit einem leckeren Essen in Cusco und schlafen alle zwei Nächte in der Stadt im Hostel, um eine Dusche und keine Hunde zu haben. In der Zwischenzeit sind Chris und Myri sogar schon wieder aus Arequipa zurück und wir können noch einige Male unser Lieblings-Frühstückscafé zusammen besuchen, wo man für ein paar Euro einen ganzen Tisch voller Saft, Kaffee und frischen Brötchen bekommt.

An einem Freitagnachmittag ist es endlich so weit: Die große Stunde ist gekommen, eine Testfahrt soll zeigen, ob alles funktioniert. Das tut es: Alles flutscht wie neu, ist es ja auch fast nach all dem Putzen, Ölen und Testen der Vortage. Wir können unser Glück kaum fassen und starten gleich Richtung Süden, Richtung Titicacasee. Endlich wieder on the road! Da sieht die Landschaft gleich noch viel schöner aus 🙂

Auch unser erster Schlafplatz entpuppt sich als ein Glücksgriff: Wir schlafen auf dem Parkplatz einer Therme. Nachts ist es bitterkalt, aber als wir am nächsten Morgen aufwachen, strahlt die Morgensonne eine unglaubliche Wärme aus. Wir testen die Dampfsauna, die leider nicht ganz so warm ist wie erhofft, und sonnen uns dann beim entspannten Frühstück. Was für ein Start in den Tag!

Gut gelaunt geht es heute noch bis zum Titicacasee. Nachmittags machen wir von Puno aus einen Ausflug zu den schwimmenden Inseln (Uros), die komplett aus Schilf und Wurzelgeflecht bestehen. Auch alle Häuser sind aus Schilf gebaut, wenn auch heutzutage mit Solarpanelen davor und einer Plastiktüte darunter, um den Regen abzuhalten.

Am nächsten Tag steht wieder eine Grenze bevor, es geht nach Bolivien. Wir haben uns für die landschaftlich reizvolle Route über die Copacabana-Halbinsel entschieden, dafür für einen kleineren Grenzübergang. Die Grenze verläuft völlig problemlos und wir erfahren, dass wir sogar gar keine Versicherung brauchen, ein Thema, das uns davor Bauchschmerzen bereitet hatte, weil es an der Grenze keine Versicherungsagentur gibt. Auch die Route enttäuscht uns nicht: Copacana ist zwar ein sehr touristisches Dorf, dafür aber voller hübscher Cafés mit Seeblick. Ein perfekter Mittagsstopp. Und kurz danach sorgt Bolvien dafür, ganz weit nach oben zu rücken im Ranking der schönsten Länder unserer Reise. Die Straße windet sich durch hügelige Landschaft über die Halbinsel, zur Linken der Titicacasee, zur Rechten die Winaymarca-Laguna, vor uns eine Kette schneebedeckter Berge. Was für ein Kontrast, wir können gar nicht aufhören, Fotos und Videos zu machen.

Kurz darauf entpuppt sich Bolivien aber auch gleich als eines der abenteuerlichsten Länder der Reise: Auf einem etwas besser stabilisierten Holzfloß mit Platz für zwei Autos überqueren wir den Titicacasee, bei jeder Welle schwankt das Floß bedenklich. Aber wenn die Reisebusse hier ans andere Ufer kommen, werden wir wohl auch trockenen Fußes ankommen, beruhigen wir uns.

Nach ein paar weiteren Stunden Fahrt durch das Altiplano, das Andenhochland, geht es zu Lande abenteuerlich weiter: In den Vororten von La Paz wird auf der Hauptstraße gebaut (glauben wir jedenfalls). Riesige Sandhügel versperren den Weg, eine Umleitung ist natürlich nicht ausgeschildert. Den ersten Hügel kann man noch umfahren. Belustigt beobachten wir, wie ein Auto nach dem anderen auf den verschiedensten Wegen versucht, den Hügel zu überqueren. Ein paar mutige versuchen es querfeldein, die Masse stellt sich brav an, um den flachsten Teil abzupassen. Ein paar bleiben trotzdem stecken. Aus einem Minibus muss die ganze Besatzung aussteigen und schieben, bei einem anderen dreht ein Rad frei in der Luft. Schließlich sind wir an der Reihe. Wir halten die Luft an, schaffen es aber problemlos rüber, juhu! Der nächste Sandhügel ist dann aber doch zu hoch für eine Offroad-Überquerung, also fahren wir, inzwischen im Dunkeln, durch die Seitenstraßen. Ohne Umleitungsschilder hilft nur die Lemmingtaktik: Immer da lang, wo die meisten hinfahren. EL Altos Seitenstraßen schockieren uns noch mehr als die seltsame Baustellenorganisation: Das Wort Straße ist hier völlig unangebracht, es sind Sandpisten voller Löcher, Bodenwellen, Steine und Gräben, in denen wir fast aufsetzen. Als wir endlich wieder auf der Hauptstraße sind, hört das Chaos keineswegs auf: Ungefähr die ganze Welt möchte heute Abend nach La Paz rein und jeder fährt, wie und wo er will. Die vielen öffentlichen Minibusse halten auch mal in der linkesten von circa (Linien gibt es nicht) vier Spuren, um Leute ein- und aussteigen zu lassen, rote Ampeln zählen hier überhaupt nichts, wenn gerade keiner kommt, und wir werden ein paar Mal fast gerammt. Unser Ziel, es bis zum Campingplatz außerhalb der Stadt zu schaffen, geben wir bald auf, nachdem wir in einer halben Stunde nur ein paar Hundert Meter vorangekommen sind. Stattdessen verbringen wir die Nacht auf dem Flughafenparkplatz in El Alto, der ebenfalls als sicherer Schlafplatz in iOverlander markiert ist. Ganz lustig, auf einem Flughafen zu schlafen, aber dank Nachtflugverbot haben wir eine ruhige und Nacht und gut bewacht sind wir auch. Duschen wird überbewertet 😉

Früh morgens starten wir den nächsten Tag, ein langer Fahrtag steht uns bevor. Schon beim Losfahren wundern wir uns, was denn die ganzen Polizisten in Antiterrorausrüstung hier wollen. Bestimmt beschützen sie den Flughafen, überlegen wir. Bis sie irgendwann auf der Straße zur Stadt raus stehen und eine Vollsperrung verkünden. Ohne Umleitungsschild natürlich. Also wieder Lemmingtaktik: In die Kleinstraßen, den Einheimischen hinterher. Diese Taktik führt uns leider nur zu einer weiteren Straßensperre, diesmal aus Steinen und Sand und von etwa hundert Menschen umgeben. Langsam dämmert uns, dass wir es hier wohl mit einer der berühmten bolivianischen Protestaktionen zu tun haben. Ähnlich wie in Frankreich ist streiken und protestieren hier nämlich Volkssport. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, werden alle Straßen blockiert und niemand mehr durchgelassen. Unser Panamericana-Handbuch sagt dazu: Aussitzen, verhandeln, Stimmung beobachten, eventuell die Straßensperre durchbrechen, wenn es friedlich ist. Die Demonstranten verkünden stolz, dass sie vorhaben, noch wochenlang zu protestieren, sodass wir das Aussitzen schnell verwerfen. Wogegen die Demonstrationen sich richten, kann uns übrigens keiner genau sagen, aber vom Schüler bis zum Rentner sind alle auf der Straße. Verhandeln bringt uns immerhin den Tipp ein, dass es einen einzigen freien Weg aus der Stadt heraus geben soll, nach Viacha. Ein paar Querstraßen weiter hätten wir eine Chance. Und so beginnt das Umherirren. Es ist, wie in einem Labyrinth gefangen zu sein: Hinter jeder Ecke wartet eine neue Blockade oder eine Metallkette. Endlich kommen wir an eine Sperre, die nur aus sehr niedrigen Steinen besteht und mit vier Frauen besetzt ist, von denen eine ihr Kind dabei hat. Hier verhandeln wir noch ein mal ein bisschen länger und als gerade niemand guckt, werden wir schnell durchgelassen. Allerdings nur, um einen Kilometer weiter wieder von der Polizei umgeleitet zu werden. Stundenlang fahren wir anderen Autos hinterher, schlängeln uns durch die Sandstraßen, biegen vor jeder Blockade ab und irren weiter. Und das alles durch besagte Nebenstraßen mit ihren Gräben und Löchern, also ziemlich offroad. Doch irgendwann sind wir endlich auf einer Landstraße nach Viacha und wundersamer Weise hält uns keine Blockade mehr auf. Kurz darauf passieren wir erleichtert den Ortseingang von Viacha. Das einzige Problem nur: Hier wollen wir beim besten Willen nicht hin, die Landstraße führt weiter nach Chile. Nur ein Sandweg führt zurück zur Panamericana, der in unserer Straßenkarte zur Hälfte als „Fahrweg“ ausgeschildert ist. Das ist die Kategorie nach „Nebenstraße – nicht asphaltiert“. So viel Offroad-Abenteuer ist uns eigentlich gar nicht lieb auf unseren letzten 3000 Kilometern. Aber die Straße ist zum Glück eine ziemlich anständige Sandstraße, besser als die meisten Nebenstraßen in El Alto. Auf dem Weg entkommen wir noch knapp einer weiteren Sperre. Ein paar Rentner im Dorf sind gerade dabei, große Steine auf die Straße zu schleppen, aber wir passen noch durch. Und nur 20 Kilometer später sind wir tatsächlich auf der Panamericana Richtung Süden. 30 Streckenkilometer (dem Tank zu urteilen circa 100 Kilometer kreuz und quer) in dreieinhalb Stunden, das ist ein neuer Rekord. Die Belohnung: eine fast leere Panamericana, vierspurig, asphaltiert, auf fast ebener Strecke. Auf geht‘s in den Süden Boliviens, weit weg vom Chaos in El Alto!

Trotz unseres chaotischen Morgens schaffen wir sogar noch unser Tagespensum und sind am späten Nachmittag in Potosí. Hier schauen wir uns am nächsten Morgen die Minen im Cerro Rico an, dem Berg, der über der Stadt thront. In einer abenteuerlichen Tour wandern wir durch die noch aktiven Minen, schauen den Bergarbeitern bei der Arbeit zu und lassen uns die sehr altertümlichen Arbeitsmethoden erklären. Es ist interessant, aber auch bedrückend, die schlechten Arbeitsbedingungen in den dunklen, staubigen Gängen zu sehen.

Einen Tag später brechen wir schließlich früh morgens auf zu einer Drei-Tages-Tour zum Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Erde, und den Lagunen des Altiplano. Eine Tour, die vollgepackt ist mit unglaublich schöner Natur. Man kann die Schönheit gar nicht beschreiben, überzeugt euch einfach auf den Fotos! Auch die so gut organisierte Tour kommt aber nicht ohne Abenteuer aus. Am dritten Tag möchte unser Jeep nicht mehr anspringen und als weder Starthilfe noch frisches Öl hilft, sitzen wir einen Tag lang in der Wüste fest. Immerhin direkt an der schönsten Lagune und unsere Gruppe ist sehr lustig, sodass der Tag mit Spazieren, Karten spielen und vielen Scherzen schnell umgeht. Am Nachmittag ist der Jeep repariert, sodass wir die Tour am nächsten Morgen fortsetzen können und nur einen Tag später als geplant beenden.

Nun ist unsere Zeit in Bolivien schon vorüber und es geht daran, das vorletzte Land unserer Reise anzugehen: Argentinien, das wir nur schnell auf dem Weg nach Montevideo durchqueren werden. Mit gemischten Gefühlen schauen wir auf unsere Erfahrungen mit Bolivien zurück: Seine unglaublich schöne Natur hat uns in den Bann gezogen, gleichzeitig haben uns die unvorhergesehenen Unterbrechungen und Umwege auch einige Nerven gekostet. Das Land hat ein ganz anderes Flair als die anderen südamerikanischen Länder. Irgendwie haben wir das Gefühl, Land und Leute nicht ganz begriffen zu haben. Aber gerade die Unvorhersehbarkeiten haben auch ihren Charme und mit seiner unglaublichen Natur hat Bolivien auf jeden Fall das Potential zu einem Lieblingsland unserer Reise.

Liebe Grüße aus Santa Fe, Argentinien!

Leo und Fabi