Feuerland: Bis ans Ende der Welt und zurück

Feuerland ist „remote“, abgeschieden, haben wir oft gelesen. Aber was das bedeutet, verstehen wir erst, als wir dort sind. Die Abgeschiedenheit von Feuerland lässt sich nicht durch die Zahl 7000 beschreiben – die Anzahl der Einwohner des chilenischen Teils von Feuerland. Man begreift sie schon besser, während man im Auto Kilometer um Kilometer auf Schotterstraßen zurücklegt, ohne einem anderen Menschen zu begegnen, dafür zahlreichen Guanacos und Schafen. Aber auf jeden Fall spürt man sie, sobald man aussteigt. Sofort umgibt einen komplette Stille, nur der berühmte feuerländische Wind pfeift.

Selbst in Ortschaften empfängt uns diese ungewöhnliche Stille. Unser erster Stopp ist Cerro Sombrero, ein Dorf im Norden Feuerlands, für feuerländische Verhältnisse eine Großstadt. Wir spazieren mittags durch den Ort, der hauptsächlich für die Arbeiter der Ölindustrie existiert. Die Straßen sind breit und gepflegt, die Häuser sind schön, aber heruntergekommen. Und obwohl ab und zu Menschen auf der Straße sind, ist es bis auf das Pfeifen des Windes und ein gelegentliches Autoreifenknirschen völlig still. Der Ort wirkt zu groß für die wenigen Menschen, das Kino und der Hauptplatz mit den großen Regierungsgebäuden fehl am Platz.

Wie wir später erfahren werden, können wir sehr dankbar über die gute Infrastruktur sein. Denn der kleine Supermarkt, in dem wir uns nach der Mittagspause mit Essen eindecken, sollte für die nächsten Tage der letzte Laden sein. Enrique, der nette Mitarbeiter der örtlichen Touristeninformation, hat uns den Tipp gegeben, dass wir bis ganz in den Süden Feuerlands fahren sollen, bis die noch im Bau befindliche Straße nicht mehr weiterführt. Und da wir schon mal auf Feuerland sind und das perfekte Auto für eine solche Expedition haben, lassen wir uns das nicht zweimal sagen.

Dass wir das perfekte Auto haben, haben wir unserem Glück zu verdanken. Auf gut Glück haben wir am Flughafen in Punta Arenas bei ein paar Autovermietungen gefragt, ob nicht doch noch jemand ein Auto für ein paar Tage hat. Und eine Agentur konnte uns tatsächlich ihr letztes Auto vermieten – einen 4×4 Pickup Truck. Damit macht Autofahren richtig Spaß, vor allem auf feuerländischen Wellblechpisten.

Also geht es 300 km auf Schotterpisten in den äußersten Süden der Insel. Auf dem Weg gibt es als erstes die einzige Kolonie Königspinguine auf dem Festland außerhalb der Antarktis zu bewundern. Sie markiert gleichzeitig eine imaginäre Linie, die die meisten Touristen nicht überqueren, denn mit einem organisierten Ausflug kommt man nicht südlicher als hier. Für uns fängt die Fahrt gerade erst an. Stundenlang sehen wir kein anderes Auto, nur die Landschaft, die sich nach und nach verändert. Im Norden ist die Insel von einer rauen Steppe geprägt, nur  Gras und Büsche ziehen an uns vorbei. Und Zäune. Irgendjemand bewirtschaftet dieses unwirtliche Land großflächig, Schafherden grasen auf riesigen Flächen, ab und zu ein paar Pferde. Am besten gefallen uns aber die Guanacos, Verwandte des Lamas, die vor unserem Auto flüchten und elegant über die Zäune springen.

Weiter südlich wechselt die Landschaft in einen mystischen Wald voller knorriger Bäume. Wir entdecken zahlreiche Biberbauten, aber keinen ihrer Bewohner. Schließlich führt die Straße in die Berge. Raue Felsen, Täler mit roten Moorlandschaften und türkise Seen und Fjorde verschlagen uns die Sprache. Schließlich kommen wir an, ganz im Süden von Feuerland. Hier wird gerade eine Straße noch weiter in den Süden zum Yendegaia Nationalpark gebaut, in der Hoffnung, dem benachbarten Ushuaia in Argentinien ein paar Touristen streitig machen zu können. Aber noch ist hier das Ende der Straße, gefühlt das Ende der Welt und jedenfalls der südlichste Punkt unserer Reise.

Wir schlafen auf einer ehemaligen Farm, die mal ein Campingplatz werden soll. Noch ist davon wenig zu sehen, aber wir können unser Zelt aufbauen und bleiben. Wir werden herzlich aufgenommen und mit Tee und Lammbraten versorgt. Wenn die Touristen dann kommen, werden sie staunen: Caleta Maria liegt an einem malerischen Fjord. Wenn die Wolken sich verziehen, blickt man auf den naheliegender Gletscher und auf der Nachbarinsel wohnt eine Kolonie Seeelefanten. Wir wagen zu bezweifeln, dass Ushuaia da mithalten kann. Die weite Anreise hat sich jedenfalls gelohnt.

Am nächsten Tag müssen wir leider schon wieder gen Norden aufbrechen. Dafür belohnt das Wetter unsere Ausdauer und wartet mit strahlendem Sonnenschein auf. Die zahlreichen Fotostopps und Umwege bremsen das Reisetempo ein wenig. Unser Rückweg führt uns über Porvenir, die Hauptstadt Feuerlands. Tatsächlich ist Porvenir die größte Stadt, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, das macht sie aber nicht zu einer Großstadt. Sie wirkt eher wie ein amerikanischer Vorort. Für ein leckeres Meeresfrüchte-Abendessen mit einer Flasche Wein und ein Hotel reicht es aber, was wir dankbar in Anspruch nehmen.

Heute geht es zurück Richtung Punta Arenas, weil wir morgen unseren Mietwagen abgeben müssen, um den Bus nach Puerto Natales zu nehmen. Die Torres del Paine rufen, sieben Tage zu Fuß um das berühmteste Bergmassiv Chiles. Wir werden berichten.

Bis dahin liebe Grüße aus der Ferne,

Leo und Fabi