Von wilden Kliffen, Morgennebel und mythischen Gestalten: Chiloé

Wir gleiten über das Wasser, um uns herum wabert Nebel, aus dem vereinzelt Baumsilhouetten schauen. In der Ferne rauscht der Pazifik, im Wald zwitschern die Vögel. Wir verabschieden uns mit einer Kayaktour am frühen Morgen von Chiloé. Die Kulisse bildet einen würdigen Abschluss für unsere Zeit auf der Insel. Denn diese ist immerhin für ihren Nebel und ihre mythischen Gestalten berühmt.

Wie bereits im letzten Beitrag angekündigt, haben wir uns für den letzten Abschnitt unserer Reise einen kleinen Campervan gemietet. Während wir bei dessen rustikalem Anblick kurz enttäuscht sind (natürlich kann kein Gefährt der Welt mit unserem Busle mithalten), entpuppt er sich beim zweiten Hinsehen doch als praktischer Wegbegleiter. Der Holzausbau enthält viel Stauraum, man kann das Bett in einen Tisch verwandeln und hinten verbirgt sich eine Küche inklusive Waschbecken. Das hat nun doch viel vom Busle-Komfort, den wir in den letzten Wochen im Zelt des Öfteren herbeigesehnt haben.

Für unsere letzten Tage haben wir uns zuerst Chiloé vorgenommen. Wie unser Camper beeindruckt Chiloé uns nicht auf den ersten Blick. Wenn man von der Fähre herunterfährt, wirkt diese grüne hügelige Insel zunächst ernüchternd europäisch. Doch auch Chiloé hält auf den zweiten Blick viel mehr bereit: In der strahlenden Abendsonne fahren wir schon auf den ersten Kilometern an idyllischen Buchten vorbei und entdecken die vielen kleinen Holzhäuser, die Chiloé prägen. Unser erster Campingplatz an der Pazifikküste wartet mit Menschenleere, wilden Kliffen und einem traumhaften Sonnenuntergang auf. Rotwein bei Sonnenuntergang vor dem Campervan, das ist Urlaub!

Und mit dieser Idylle und Gemütlichkeit lässt uns Chiloé nicht mehr los. Hatten wir eigentlich noch überlegt, die Vulkan- und Seengegend rund um Puerto Varas zu erkunden, entschleunigen wir unser Reisetempo nun ganz gehörig, um diese mystische Insel zu erkunden. In den nächsten Tagen fahren wir über die Insel, lassen uns treiben und genießen kulinarische Köstlichkeiten. Mal schlemmen wir im Restaurant leckeres frisches Ceviche (eine Art Salat aus rohem Fisch, Zitrone und Zwiebeln) oder Curanto (den typisch chilotischen Muschel-Fleisch-Eintopf), mal kochen wir selbst riesige Lachsstücke vom Markt mit bunten chilotischen Kartoffeln.

Wenn wir nicht gerade kochen oder essen, flanieren wir durch die Dörfer mit ihren charakteristischen Holzkirchen, von denen einige Weltkulturerbe sind, spazieren durch Nationalparks oder lernen über mythische Gestalten. Von letzteren gibt es auf Chiloé reichlich: Fliegende böse Hexenmeister, Geisterschiffe, Sirenen, Mischwesen und hässliche Gnome, die Jungfrauen verführen. Wir lassen uns sogar auf einer Hexentour Höhlen zeigen, in denen einst die Hexenmeister ihr Unwesen getrieben haben sollen. Zum Glück ist die Tour auf Spanisch, da verstehen wir nur die Hälfte der gruseligen Sagen. Aber wundern tut uns die reiche Mythologie nicht: Eine Insel, die morgens komplett im Nebel verschwindet, regt die Fantasie an.

Für Overlander hält Chiloé noch ein besonderes Highlight bereit: Quellón, seine südlichste Stadt, ist das Ende der Panamericana, die hier Ruta 5 heißt. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und freuen uns, dass dieser großartigen Fernstraße, deren Verlauf wir schon 2016 in weiten Teilen folgten, hier sogar ein Monument gewidmet wurde. Wir zelebrieren, das offizielle Ende unserer Reiseroute erreicht zu haben, und denken an die vielen schönen Momente in den nun 14 Ländern zurück, die wir während unserer Reise durchquert haben. Danke Panamericana!

Ein besseres Schlusswort gibt es eigentlich auch nicht: Danke Chile und danke Argentinien für einen wunderbaren Monat mit vielfältigen Eindrücken und schönen Erinnerungen. Wir sind schon wieder in Berlin, aber wir werden noch lange davon zehren können.

Liebe Grüße,

Leo und Fabi